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Brief an Hilde J. 2002

Hallo zusammen,

nach einer erneuten einmonatigen Schreibpause melde ich mich wieder, noch einmal mit Utas Post.  Diesmal handelt es sich um einen Brief an Hilde J., Mutter einer alten Freundin von mir, die früher Bibliothekarin im Goethe-Institut von Caracas war.  Uta hat beide ins Herz geschlossen, und so entstand ein Briefkontakt mit Hilde, die damals in Füssen im Allgäu lebte.
Merkwürdigerweise drückt sie in diesem Brief (den sie auf dem Tag genau 4 Jahre vor ihrem eigenen Ableben geschrieben hat) ihre Sorge darüber aus, zu ihrem Lebensende nicht geistig klar bleiben zu können, und ihren Wunsch, mir so etwas zu ersparen.
Leider Gottes haben sich ihre Befürchtungen verwirklicht - wenn auch für eine kurze Zeitspanne, Gott sei Dank.

Und nun der Brief:


 
21. Juli 2002

Liebe Hilde,
herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 19.6. Sei bitte nicht böse, daß ich erst heute antworte, wir hatten einiges um die Ohren, denn unser Dach wurde gemacht. Dann kam noch dazu, daß wir allen Dreck allein wegputzen mußten, weil meine kleine Señorita einen festen Job (6 Tage die Woche) in Mérida gefunden hat. Nun sind wir aber durch damit und das Dach ist “fast” dicht. Es regnet gerade – leider nicht doll genug – um den gesamten Umfang der Nachbesserung festzustellen. Die Putzerei machen Sérvulo und ich nun gemeinsam.
Wir haben uns im Urlaub auf Aruba gut erholt und träumen immer noch davon, wie schön es war. Das Meer gibt uns sehr viel. Der Unterschied zwischen dem Leben in den Bergen zum Leben am Meer ist sehr groß. Trotz der schönen Aussicht hier zieht es uns ans Wasser. Wohnst Du eigentlich so, daß Du den See sehen kannst? Ist es weit bis zum See? Ich kenne Füssen etwas, denn früher wohnte dort meine Freundin Jutta. Wenn sie sich mittags hinlegte, bin ich oft runter zum See gegangen. Heute wohnt Jutta in Simmerberg, hat dort ein Haus. (An dieser Stelle im Brief hat mich das Katerchen geschubst!)
Gut, daß Du jetzt eine Beratungsstelle hast. Das gibt Dir bestimmt etwas mehr Sicherheit. Daß Dein Mann nun ein Zimmer im Altenheim hat, ist recht beruhigend. Auch wenn er nach 6 Tagen Lungenentzündung und einen Infarkt bekam, so sei nicht so mißtrauisch. Der Krankheitsverlauf meines Vaters war ähnlich. Er hatte bis zum Ende hin bandagierte Füße, dick geschwollen und das Wasser in der Lunge ließ den Atem rasseln. Auch er turnte nachts aus dem Bett und machte überall in der Wohnung sein großes Geschäft. Bei Alzheimer ist nichts berechenbar. Du solltest auf seine Worte nicht so viel Wert legen. Nach wie vor lebt er in einer anderen Welt. Ehe Du ihn aus dem Heim nimmst, versuche doch, ihn wenigstens in der Mittagszeit mal zu füttern. Du kannst ihn ohne Pflegerin rund um die Uhr nicht mehr zu Hause haben. Mein Papa hatte eine Schwester tagsüber und hat sein Leben dann auf nachts verlagert. Keiner im Haus konnte schlafen. Er hatte kein Gefühl für Zeit, für nichts. Tu Dir das nicht an, liebe Hilde. Ich empfinde mit Dir, wie Du leidest. Du leidest mehr, als Dein Mann. Er schwankt im Moment zwischen seiner und Deiner Welt und ist mehr in seiner, als in Deiner. Wenn er abgenommen hat, so weigert er sich wohl, zu essen. Die Krankheit hat so viele Seiten und all diese Seiten tun so furchtbar weh. Du hast recht, möge uns so eine Trennung erspart bleiben. Ich sage mir sogar, daß ich alles tun muß, um geistig klar zu bleiben, damit ich Sérvulo so etwas erspare. Irgendwie ist es nicht gerecht, wenn sich der Ehepartner so gehen läßt.
So wünsche ich Dir weiterhin viel Kraft. Es ist Gottes Weg, den er jetzt geht und jeder muß seinen vorherbestimmten Weg gehen. Ich wünsche Dir viel Hilfe dabei und bitte, fühle Dich nicht schuldig, es ist in Ordnung, wie es ist.
Sei herzlich gedrückt, in Gedanken begleite ich Dich

Deine Uta + Sérvulo.

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