Hallo zusammen,
es ist schon wieder so lange her, seitdem ich das letzte Mal hier etwas gepostet habe. Eine drei Monate lange Reise, und danach die alltäglichen Erledigungen und Gesuche haben mich von diesem Blog ferngehalten. Aber nun möchte ich diese Tätigkeit wiederaufnehmen, und ich möchte mit diesem schönen Artikel von der spanischen Filologin und preisgekrönten Schriftstellerin Irene Vallejo anfangen, den ich in drei Tagen übersetzt habe.
Wie gewöhnt möchte ich an dieser Stelle klarstellen, daß sämtliche Rechte des Originals bei der Autorin liegen, -und bei der spanischen Zeitung, die diesen Artikel Anfang dieses Jahres herausgegeben hat.
Die Übersetzung ist eine Übung für mich - eine lebenswichtige Übung.
Und nun zum Artikel:
DIE GEBEINE DER ZÄRTLICHKEIT
Im wechselnden Glück der Zeit, mit ihren Pleiten, Entwertungen und Verlusten, wird sich das, was wir von uns selbst den anderen gegeben haben, als die Sicherste unserer Investitionen herausstellen
von Irene Vallejo
Irene Vallejo auf der Frankfurter Buchmesse, 2022. (Quelle: Wikipedia.)
Als meinem Vater Krebs diagnostiziert wurde, sind meine majestätischen, schwarzen, angeschwollenen Ringe um die Augen entstanden. Die Uniform der in der Pflege Tätigen, gewoben mit der Seide gerissener Nächte und mit Schlaffetzen. Vielleicht deshalb empfinde ich sofortige Sympathie für die große Familie der Erschöpften, mit diesen Augen, die von einem Periskop aus Schatten aus vor sich hin gähnen. Wir waren Babies, werden Greise werden und an Erkrankungen leiden. Mit Glück wird es in der Familie großzügige Menschen geben, die bereit sind, sich um uns zu kümmern. Aber sie werden dafür einen Preis bezahlen: den Job aufgeben, Arbeitszeitsseiltänze und Einkommenseinbrüche; das Verschwinden der eigenen Freizeit, Isolation, Angst, Schlaflosigkeit und die verbotene Müdigkeit, die Endlosschleife von Anforderung und Entrüstung, das gespannte und unsinnige Rennen von einer Aufgabe zu der nächsten, ohne jemals ausreichendes zu leisten. Ein eiskaltes Gefühl des Ausgestossenwerdens. Die gesamte Gesellschaft ruht auf diesen unbezahlten, verschwiegenen, untergetauchten, manchmal sogar bestraften Bemühungen.
Vor 25 Jahrhunderten brachte der Dichter Sofokles das stille Exil der Pflegewilligen auf die Bühne. Ödipus auf Kolonos zeigt den ehemals mächtigen König, nun in Ungnade gefallen: von seiner Stadt vertrieben, alt, erblindet, gebrechlich und mit leeren Händen. Seine Gestalt würde den Untergang vom König Lear von Shakespeare inspirieren. Während die Männer der Familie um den Thron streiten, Antigone – seine Tochter, seine Schwester – begibt sich in eine lebensgefährliche Welt, um die Augen des Greisen zu werden, der nicht sehen kann. Mit Schlamm als Schuhwerk, ungekämmt und nomade, bettelt das Mädchen täglich um Nahrung für beide. Weit weg von ihrer Stadt und mit angeschlagenem Aussehen, weder sie noch ihr Vater sind willkommen. Das Elend wirkt immer verdächtig, verbrecherisch; irgendetwas werden sie wohl getan haben, um arm zu sein. Wenn Ödipus stirbt, hat Antigone ihm bereits die besten Jahre ihrer Jugend gewidmet. Aber weit entfernt davon, ihr für ihre Selbstaufgabe zu danken, bemitleidet sie die Familie, weil sie immernoch unverheiratet ist; sie ist tödlich müde, aber nicht verheiratet. In der Tragödie, Sofokles stellte zwei gestochen scharfe Arten, das Leben zu verstehen, aneinander entgegen: die Personen, die sich aus Ambition bewegen, oder die, die sich um andere kümmern. Und unter ihnen allen, wer ist denn die Rebellin, die Verfolgte, die Geächtete, die Gefährliche? Antigone, mit ihren aufgewühlten Haaren und ihren lilafarbenen Augenringen.
Antigone destabilisiert die herrschende Ordnung wenn sie beschließt, den zu pflegen, der umfällt, anstelle davon, dem Sieger zu Hilfe zu eilen. Diese Alternative wird nach wie vor in der Gegenwart angegangen, es ist der Reibepunkt zwischen zwei Theorien und zwei Haltungen: die mitfühlende Sicht gegenüber der Sicht der Konkurrenz. Die Gemeinschaft oder die Kapsel, das Rette-sich-wer-kann oder das Retten-wir-uns-gemeinsam. Es sind die Pole, zwischen welchen wir in Zeiten der Unbarmherzigkeit pendeln, und in Grunde genommen, sei es, dass wir uns mit anderen verbinden, oder sei es, dass wir uns einkapseln, suchen wir alle dasselbe: in Sicherheit zu sein. Mitfühlend an einem Tag, egozentrisch am nächsten, zweifeln wir zwischen beiden Wegen im Versuch, die Sicherheit, die ersehnte Geborgenheit zu erreichen. Nachdem sie Prinzessin und Bettlerin war, hatte Antigone ihre – subversive – Einsicht. Im wechselnden Glück der Zeit, mit ihren Pleiten, Entwertungen und Verlusten, wird sich das, was wir von uns selbst den anderen gegeben haben, als die Sicherste unserer Investitionen herausstellen.
Unser Wohlergehen ist Teamarbeit, doch das alte Dilemma entsteht immer und immer wieder. Wenn die Welt zu schwanken scheint, erheben sich Stimmen, die ein Ideal der goldenen Autonomie, der Kraft, der siegreichen Isolierung aufrufen. Ausgefeilte politische Reden und enorme Geldsummen werden dafür aufgewendet, das Mißtrauen, das “rennt-nicht-sondern-fliegt”, die Polarisierung und die Privatisierung der Lebensaufgabe zu finanzieren. Wer unsere Ohren mit der Apokalypse hämmert, der pflegt es, uns manch mesianisches Heilmittel zu verkaufen: unsere Angst ist das beste Mittel, damit sie ihre Ziele erreichen. Unter diesem rettenden Versprechen ersticken sie die Wurzeln der gegenseitigen Unterstützung und zerschneiden die Netze des gemeinsamen Gewebes – Gastfreundschaft, Schutz der Zerbrechlichen -. Und dennoch entstehen in Bereichen wie die Evolutionsbiologie, die Psychologie und die Soziologie solide Indizien dafür, dass wir Menschen enger zusammenarbeiten und weniger egoistisch sind als man uns glauben läßt oder zudem man uns sogar anspornt. Außerdem offenbaren in letzter Zeit Forschungen neuronale Hinweise auf unsere Veranlagung zum Kooperieren. Der Naturwissenschaftler Edward O. Wilson erklärt in Genesis, dass die Spezies, die den Altruismus praktizieren, mehr Wohlstand erreichen und besser überleben. Es gibt auch das großzügige Gen. Aber, wenn wir diesen Impuls in Not und Erschöpfung ersticken, werden keine Kräfte mehr übrigbleiben für das Schmieden von Allianzen. Und von den Territorien der Pflege aus, immer mehr uns selbst überlassen, werden wir sehen, wie die Rechnung und die Fraktur immer weiterwachsen; in den Worten vom peruanischen Dichter César Vallejo, wie man uns die Miete der Welt abkassiert.
Die Legende erzählt, Ödipus’ Söhne kämpften um den väterlichen Thron, der eine, indem er die Stadt Theben mit einer Armee belagerte, der andere, indem er sie verteidigte. An einem Tag des Zorns haben sich beide gegenseitig ermordet; das Symbol eines jeden Bürgerkriegs. Ihr Onkel Kreon, der neue König, beschloß, mit einer grandiosen Bestattung diejenigen zu ehren, die der Stadt treu waren, aber er verbot, unter Androhung der Todesstrafe, die Angreifer zu bestatten, und er befahl, die Leichen der Feinde des Vaterlandes von den wilden Tieren fressen zu lassen. So verläuft Antigone, ein weiteres Werk von Sofokles wo die Hauptperson die blasse Frau ist, die ihr Recht verlangt, ihren rebellischen Bruder zu bestatten. Ehren werden für den Sieger niemals fehlen, sie kümmert sich um den Verlierer. Bei Anbruch der Nacht und wieder barfuß, mißachtet sie den Befehl und bestattet heimlich die verbotene Leiche. Dem tragischen Ende dieser Geschichte fehlt es nicht an einem pechschwarzen Punkt der Ironie, wenn der neue König sein Urteil fällt: die Leiche des Toten wird ausgegraben und den Hunden überlassen, während sie lebend begraben wird. Die Logik einer Welt, die Kopf steht. Diese Ungereimheit geschieht nach wie vor, hier und jetzt, so nah ran: die Lebenden begraben unter Schuttbergen in täglichen Bombardierungen, die ewig verschollenen, denen die Gewißheit des Todes und des Friedhofs verweigert wird. Und das alles trozt des Fortgangs der Jahrtausende, die wir – auf pompöser und bigotter Weise – für zivilisiert erklären.
Sofokles verwandelte eine Landstreicherin mit Augenringen in einen Archetyp unzähmbaren Erbarmens. In einer der jüngeren Neuverarbeitungen des Mythos, Das dritte Land, spaltet Karina Sainz Borgo die Thebanerin in zwei Personen; Angustias, die migrante Mutter, die versucht, ihre neugeborenen Kinder zu bestatten, nach einer kilometerlangen Wanderung mit den Kleinen aufbewahrt in Schuhkartons. Visitación, sie verwaltet einen Friedhof, verloren im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien, wo sie Leichen bestattet, die niemand verlangt, oder deren Familienmitglieder über kaum Geld für die Bestattung verfügen. Beide stellen das verbannte, vagabondierende, flüchtende und enterbte Gesicht der Antigone wieder her. Eine weitere Reminiszenz von Sofokles, Die Totengräberinnen von Taina Tervonen, schneidet die wahre Geschichte einer DNS-Expertin und einer forensischen Anthropologin an, die in den Gräbern eines untröstlichen Landes – Bosnien-Herzegowina – menschliche Gebeine identifizieren, um den Familien ihre Toten zurückzugeben. Sie alle wissen es: die Lebenden, vor allem die Lebenden, haben es nötig, in Frieden zu ruhen.
Die Etymologie des spanischen Verbs „cuidar“ (zu Deutsch pflegen) stammt aus dem lateinischen cogitare, „denken“; „médico“ (zu Deutsch Arzt) leitet sich von „meditieren“ her. Die Maxime cogito ergo sum („Ich denke, also bin ich“) könnte zu einem verwegenen „ich pflege, also bin ich“ Anlaß geben. Während die unerbittlichen Argumente, die uns zu einem blinden, gnadenlosen Rennen treiben, voranzuschreiten scheinen, verkörpert Antigone die Gemeinschaft der Pflege, den Blick mit Ringen um die Augen, der beschloß, großzügig zu sein. Den Appell, den gesunden Menschenverstand zu Diensten des Gemeinwohls zu stellen. Es ist ein Fehlgriff, zuzulassen, dass die Egoismen uns atomisieren; wir sind das Schicksal der Anderen.

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