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Sankt Peter-Ording

Hallo zusammen,

in einem vorherigen Eintrag habe ich hier den Text "Sankt Peter-Ording:  Eine Erinnerung" in spanischer Sprache niedergeschrieben.  Dieser Text war die Übersetzung eines Textes, den ich ursprünglich auf Deutsch verfasst habe.  Es stammt aus meiner Zeit mit Uta in Chiguará, als es noch in den Sternen stand, ob und wann ich Deutschland wieder besuchen würde.  Diesen stillen Wunsch habe ich nach Utas Ableben viermal erfüllt:  2006, 2007 und 2012.
Aber - es war mir nicht möglich, Sankt Peter-Ording zu besuchen.
Na gut - vielleicht in meiner nächsten Reise.

Und nun der Text:


IN SANKT PETER-ORDING
EINE ERINNERUNG

Es gibt Orte und Plätze auf dieser Erde, in die ich gerne zurückkehre, und sei es nur durch die Erinnerungen und das Tagträumen.  Heute ist mein Zuhause (das ich seit sechs Jahren mit meiner geliebten Frau teile) ein Dorf in den venezolanischen Anden, und ich kann mich nicht beschweren, unser Haus ist groß, unser Garten ähnelt eher einem privaten Regenwald als einem Garten, ein mildes Klima versüßt unser Leben, wir haben einen atemberaubenden Ausblick auf weit entfernte Berge und Täler, und das immer neu werdende Wechselspiel von Farben, Licht und Schatten zu allen Tages- und Jahreszeiten könnte wohl die Lebensmotivation eines Malers werden.  Und dennoch:  oft tauchen urplötzlich Bilder vor meinem geistigen Auge auf, für einen Augenblick funkeln und brodeln sie in einem kristallklaren, glitzernden und blendenden Licht, welches das konkrete, standfeste Bild auf meiner Netzhaut beinah zu überblenden droht.
Ein solch lebendiges Bild ist für mich Sankt Peter-Ording, ein Kurort um die 150 Kilometer nördlich von Hamburg entfernt, an der Küste der Nordsee, in einer Region, wo das Hinterland durch Deiche und sogar von einem Sperrwerk (vor dem kleinen Dorf Tönning) geschützt wird.  Die Nordsee bildet dort kilometerweite Streifen, wo das Wasser gar nicht so tief ist, und bei Ebbe zieht sich das Meer durch Priele zurück und legt einen unendlich langen und weiten Sandstreifen frei, genannt das Watt, ein Gebiet, das seit Jahren Nationalpark ist, wo man stundenlang spazieren gehen kann, ohne jemanden zu treffen.  Im Winter ist die Nordsee stürmisch, und dieses wunderbare Stück Erde wird bis zu den Deichen überflutet, nur die Halligen, Inselchen mit Bauernhäusern und Bauernhöfen darauf, die vor Jahrhunderten von Menschenhand aufgeschüttet wurden, halten dem Meer stand.  Einige Menschen, die ich kenne, werden es wohl als stinklangweilig empfunden haben, aber für mich waren die langen Spaziergänge in dieser Stille, sei es barfuß im Sommer oder in Gummistiefeln für den Rest des Jahres, etwas Einzigartiges.
Kennengelernt habe ich diese Strände noch im Winter, und - merkwürdigerweise - im Skianzug.  Denn meine Frau und eine langjährige Freundin von ihr liebten (und lieben heute noch) unkonventionelle Ideen, und so sind wir eines Tages dorthin gefahren, haben unsere Skianzüge über unsere warme Kleidung angezogen (meiner war neu und mein erster überhaupt), sind auf dem Steg für Fußgänger und auf dem Strand gelaufen, vor den erstaunten Blicken der vornehm angezogenen Passanten - und haben am Ende ein leckeres Fischbrötchen (Herringsfilet mit Zwiebel, Salat und Mayonaise im Baguette-Brötchen) gegessen.  Die knappen 150 Kilometer, die unser Zuhause von diesem Ort trennten, haben es uns erlaubt, diesen Besuch oft am Wochenende zu machen - und es freut mich heute, sagen zu können, daß wir es oft genug wiederholt haben.
Und dann kamen die Sommer.  Mein erster, 1993 war zwar schön, aber regnerisch (eigentlich war es verregnet, denn es war mehr Regen als Sonne).  Die von 1994 und 1995 waren die Schönsten.  Da habe ich die pralle Sonne und die warme Luft genossen, wie in keiner anderen Zeit meines Lebens, eines Lebens fast wie mein Heutiges, wo ich schon fast wieder vor dem göttlichen Geschenk genannt Sonne fliehe, als wäre ich eine Schnecke, die gleich unter der Sonnenglut austrocknen würde.  Damals habe ich schätzen gelernt, was eine "Ganzkörperbräune" ist, das heißt eine, wo auch der Hintern Bräune erhält, sowie auch die schönen, mehr oder weniger großen, aber immer wunderbaren Knospen, die die Körper der Damen schmücken.  Meine Frau hat meine Verdutztheit, meine Verlegenheit und mein Erstaunen in meinem ersten FKK-Erlebnis nicht vergessen:  Einmal lagen wir auf unseren mitgebrachten Sonnenliegen und sonnten uns im Bereich der Sanddünen, unmittelbar vor dem Deich, der das Hinterland schützt.  Plötzlich kamen drei Mädchen an uns vorbei, zwei Brünetten in Bikini links und rechts, und in der Mitte eine Blonde mit kurzen, lockigen Haaren, die noch winzige Jeans-Shorts anhatte, und vor meinen wenige Meter entfernten, nichts ahnenden Augen zogen sie ihre spärlichen Hüllen im Nu aus und gingen splitternackt weiter, in Richtung Wasser.   Noch heute sehe ich vor mir diese drei niedlichen Ärschchen hüpfen, die eine gleichmässige Bräune zeigten, wie die ihrer wohl geformten Rücken. Noch nie hatte ich einen solch natürliche, kecke Unbeschwertheit beim Ausziehen unter der Sonne erlebt.  Und damit meine ich die Lust auf Sonne, Salz, Wasser, Sand und Seeluft auf der eigenen Haut, die regelrecht nach Leben schreit.  Das kann man natürlich Menschen nicht so gut erklären, die in Ländern leben, wo Sonne satt herrscht und die Wärme ganzjährig vorhanden ist, wie groß die Durst nach Sonne und frischer Luft sein kann, wenn man die langen, grauen Monate der Kälte gerade hinter sich gelassen hat, und wenn man weiß, daß dieser Sommer, so schön und warm es auch immer gewesen sein mag, nur eine kurze Pause ist, bevor die Kälte und das Grau zurückkehren.  Um so mehr freute es uns, meine Frau und mich, als wir wie kleine Kinder im Wasser planschten oder einfach schwebten, oder als wir, wie erwachsene Urlauber, uns einfach auf den Sonnenliegen sonnten oder in unserer unschuldigen Nackheit entlang des Strandes spazierengingen, und uns sogar mehrere Hundert Meter von unseren Sachen entfernten, ohne daß irgendjemand seine Augen vom Buch erhob, um auf uns einen Blick zu werfen - und ohne daß wir uns sonderlich Gedanken um unsere Habseligkeiten machen brauchten.
Mein letzter deutscher Sommer 1996 war schon wieder regnerisch und eher kühl, nur an privilegierten Tagen haben wir wieder Temperaturen über 24°C gehabt, und obwohl wir für einen Tag unsere nackten Spaziergänge am Wasser unter der Sonne wiederholen durften, haben wir uns in dieser Zeit auf die Ostsee und die Insel Fehmarn konzentriert, und das sogar mit unserem eigenen Wohnwagen.  Das Erzählen dieser herrlichen Erfahrung aber würde den Rahmen dieser kurzen Erzählung überschreiten, und wird wohl ein Thema für eine kommende sein.  Und 1997 saßen wir bereits hier, vor dieser gewaltigen, grandiosen Kulisse der Pueblos del Sur, der Dörfer im Süden der Anden Méridas.
Nun sind die neunziger Jahre Vergangenheit, seit meinem ersten Besuch in Sankt Peter-Ording sind bereits zehn Jahre vergangen, aber das Land und seine Sprache haben mich nie wieder losgelassen.  Und so kommt es vor, an manchen Tagen und Nächten auf unserer Terrasse im Andendorf, oder vor der Tastatur eines PC´s in einem Internet-Café wie jetzt, daß die Bilder vor meinem geistigen Auge wieder brodeln und funkeln, und in meiner Erinnerung atme ich wieder Meeresluft tief ein, und das flache Land, das knallige Gelb der Rapsfelder im Frühling, das Rot der Mohnblüten im Sommer, die Halligen, die Deiche, die Priele und das Watt erwachen wieder in meinem Leben.
Selbst wenn ich heute nicht weiß, ob ich sie jemals wiedersehen werde.

Chiguará-Mérida, 25.03.2002/16.07.2003

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