Hallo zusammen,
was folgt ist ein von mir geschriebener Brief an eine alte Freundin von Uta, die auch Freundin von mir geworden ist, und die auch im Laufe der Jahre den Kontakt aufrechterhalten hat. Von heute aus gesehen, sollte es so etwas wie eine Momentaufnahme meiner damaligen, glücklichen Zeit mit Uta darstellen, einschließlich meiner allgemeinen Einsichten von damals, die durch die harte Probe der Ereignissen des letzten Jahrzehnts regelrecht verprügelt worden sind.
Und nun der Text:
Chiguará, 04.11.2001
Liebe I.,
zuerst einmal lieben Dank für Deinen Brief vom 22.09., der uns schon vor fast einem Monat erreicht hat. Erst jetzt kommen wir endlich dazu, ihn zu beantworten und damit bist Du wieder an der Buschtrommel angeschlossen, was unser Leben hier betrifft. Leider ist inzwischen die Kriegsmaschinerie der USA ins Rollen gekommen, und wir dürfen zuschauen, wie einige Prophezeiungen scheinbar in Erfüllung gehen. (Ich sitze am Abend in der Küche, unser Fernsehabend beginnt erst in einer Stunde.) Durch die Nachrichten der Deutschen Welle und der einheimischen Sender sind wir über die Ereignisse seit dem 11.09. gut informiert, wir durften an diesem Dienstagmorgen, kurz vor unserer Fahrt nach Mérida live erleben, wie die großen Zwillingstürme vom World Trade Centre brannten, und wunderten uns darüber, wieso alle Kameras auf einmal vor Ort waren. Waren etwa auch ein Drehbuch und eine Regie vorhanden? Ganz bestimmt. Du hast doch Van Helsings Bücher, die Zeiten-Schrift (Gibt es sie noch heute?) und vieles mehr gelesen, und wirst bestimmt eine klare Vorstellung davon haben, was da gerade geschieht. Viel zu klar sind die Zeichen für denjenigen, der sie zu deuten weiß. Aber ich will auch optimistisch bleiben, und hoffen, daß das alles nur ein letztes Sich-an-die-Brust-Klopfen von der Seite der Superreichen und der grauen Eminenzen ist, bevor die große, für sie scheinbar unvermeidliche Wende kommt. Du magst Recht haben, wenn Du sagst, daß die Menschenseelen hier unser Licht gut brauchen können. Denn die Dunkelheit ist viel zu breit, zäh und fest verankert.
Was unser Leben betrifft, kann ich sagen, daß wir glücklich leben und alle Hände voll zu tun haben, unabhängig davon, ob wir Praxisbetrieb haben oder nicht, ob wir Reiki-Kurse haben oder nicht. Wir leben in diesem Haus und für dieses Haus. Kaum sind wir fertig in diesem Bereich, und schon müssen wir wieder von vorne anfangen. Und die Tierchen sind auch da. Sie brauchen Liebe, Nahrung und Pflege. Für sie ist es unendlich wichtig, in unserer Nähe zu sein. Da kannst Du Dir leicht vorstellen, welche Mengen an Hunde- und Katzenhaaren wir täglich beseitigen müssen! Da Señora Carmen uns kaum noch hilft, machen wir das Meiste selbst. Hinzu kommen die lieben Nachbarn, die plötzlich und unerwartet vor der Haustür stehen und etwas von uns wollen! Das Geschrei und der Krach der Kinder unserer Nachbarn nervt uns schon genug, ein Glück, daß wir sie nicht im Haus haben.
Ich setze den Brief am 06.11. fort. Uta ist gerade dabei, "Encurtidos" d.h. eingelegtes Gemüse zuzubereiten, eine Köstlichkeit, die keine Konkurrenz hat. (Keine Frau in unserem Bekanntenkreis kocht so würzig und lecker wie Uta, nicht einmal die Menschen, die behaupten, besonders "spicy" zu kochen.) Außer uns haben die Vorratsgläser mit eingelegtem Gemüse nur einen Abnehmer: Señor Nassib oder Nerio, ein alter Libanese, der für uns so etwas wie unsere neue Familie geworden ist, zusammen mit seiner viel jüngeren Frau, Señora Olga (Er ist 74, sie ist um die 30 Jahre jünger als er), und dem 12jährigen Sohn Nadschi, der uns bereits als "Tante Uta und Onkel Sérvulo" anspricht und uns um unseren Segen ("Bendición!") bittet, ein alter Brauch hier. Sie sind die einzigen, bei denen wir Kopien der Hausschlüssel für den Ernstfall abgeben können. Wir helfen ihnen, wo wir nur können - und bei ihnen wird wie schon gesagt unser würziges Essen geschätzt, zumindest was Señor Nassib betrifft. Nur mit ihm kann ich mich einigermaßen vernünftig über einheimische und internationale Politik unterhalten, er ist besorgt über die Situation hierzulande, und ist inzwischen einer der wenigen Menschen in diesem Dorf, die immernoch an Präsident Chávez glauben. Wir verstehen uns jedenfalls gut -nur, Uta und Señora Olga (eine Chiguarera, die auf die fünfzig zu geht) haben keine Anknüpfungspunkte, die einheimischen Frauen haben ganz andere Konversationsthemen als Uta. Allerdings durch Señora Olga bekommen wir eine neue Putzhilfe, ein sehr junges Mädchen, das mit ihr verwandt ist und bei ihr schon lange putzt (2/3 dieses Dorfes sind miteinander verwandt und verschwägert, Inzucht ist schon seit Jahrhunderten an der Tagesordnung). Nächste Woche soll sie kommen, noch steht alles offen.
Ich setze den Brief fort und beende ihn am 14.11. Gestern waren wir in Mérida, haben Einkäufe gemacht. Seit einigen Wochen haben wir zu unserer angenehmen Überraschung festgestellt, daß es in Mérida einige neuen Supermärkte gibt, die (zumindest für die ersten Wochen) recht gute importierte Ware anbieten, darunter (stell Dir mal das vor) Sachen wie Werthers Echte Sahnebonbons (für den US-Markt gedacht, "Werther´s Original" steht auf dem goldenen Bonbonpapier) und Butter Toffees, welch eine Freude! Da gilt aber auch immer das chinesische Sprichwort "Das einzig beständige ist die Unbeständigkeit" ganz besonders in Venezuela, denn der Traum ist vorbei, sobald das Sortiment erschöpft oder ausverkauft ist. Das hängt aber in der heutigen Zeit damit zusammen, daß Präsident Chávez den venezolanischen Markt für Importe aus den USA gerade dicht macht - zum allgemeinen Ärger vieler Menschen, die sich schon ewig an den amerikanischen Konsum gewöhnt haben. Somit ist die alte Sehnsucht nach den Süßigkeiten, die wir aus Europa kennen, erstmal gestillt. Und wenn der Vorrat erschöpft ist, machen wir uns wieder auf der Suche nach neuen Supermärkten in der Stadt!
Es ist ein sehr ruhiger Mittwoch heute, wir sind alle oben in der Terrasse, Uta genießt in der Hängematte die Lektüre der letzten deutschen Readers Digest, die gestern mit der Post in einem Brief von K.R. angekommen sind. Alle Hunde und Katzen sind in der Nähe, ruhen auf den Stühlen (die Mietzen) oder auf dem Boden (die Hunde) aus. Der Tag ist bewölkt, seit einigen Wochen regnet es wieder, hier war aber vom Hurrikan Michelle nichts zu spüren, er ist nach Norden gezogen. Die einzigen spürbaren "Stürme" hierzulande sind der Zoff, den gerade hier die Lehrer, Ärzte, Studenten und Journalisten gegen Chávez´ Bemühungen machen, um ein Gewerkschaftswesen zu schaffen, das frei ist von Syndikaten, Interessen von ausländischen Kapitalgebern und Mafia-ähnlichen Praktiken, und zwar durch große Wahlen, die z.Zt. immer wieder unterbrochen, sabotiert und unterwandert werden, und die Gerüchtewelle, die jetzt besagt, daß ein Putsch geplant wird, um Chávez zu stürzen, und zwar unter dem Vorwand, daß er nicht mehr zurechnungsfähig oder bloß verrückt geworden sei. Eigentlich steht die Welt kopf. Den Venezolanern geht es so gut wie noch nie, die Wirtschaft wird gerade angekurbelt, die Kriminalität wird immer weniger, und trotzdem wird in den Zeitungen und Fernsehnachrichten genau das Gegenteil vermittelt. Und die Menschen verschlucken einfach das, was ihnen auf den Tisch serviert wird. Mit Präsident Hugo Chávez geschieht gerade das, was in der Zeiten-Schrift Nr. 21, 1999 geschildert wird. Das zeigt, daß er sehr wahrscheinlich das Beste ist, was Venezuela im Augenblick passieren kann.
Inzwischen ist auch das neue Mädchen gekommen, Delcey heißt sie. Sie ist etwas langsam, meint Uta, arbeitet aber mit Sorgfalt und hält sich an Utas Anweisungen. Sie ist ein schüchternes, recht schweigsames Mädchen, Señora Olga ist ihre Patentante. Jetzt soll sie öfter kommen.
So, liebe I., das waren mehr oder weniger unsere neuesten News. Ich habe diesen Brief auf einer Fotokopie eines Artikels aus der Webseite vom Handelsblatt ausdrucken lassen, das wir jetzt dank Internet wieder gelegentlich lesen können (allerdings nur einmal in der Woche, wenn ich im Cybercafé sitze). Nach wie vor finden wir nur dort die interessantesten Meldungen, da hat sich in fünf Jahren nichts geändert. Grüsse H., S. und Deine Schwester Ch. ganz lieb in unserem Namen.
Wir haben Dich sehr lieb, sei geknuddelt von
Sérvulo + Uta
P.S. vom 19.11. Jetzt ist es schon Montag, Uta sprengt den Garten, ich schreibe immernoch. Vorgestern sind wir in den Páramo, in die hohen Berge in Richtung Bergseen und Andenpaß gefahren, um so meinen Geburtstag zu feiern. Unser Freund und Reiki-Schüler Alberto hat uns begleitet. Wir haben Picknick mit Arepas und frischem Saft aus der Gatorade-Flasche gemacht, die Stille genossen (es ist einsam dort, 3.600 Meter hoch), in die karge Landschaft geschaut, wichtige Gespräche geführt und uns ein bißchen an die längst vergessene Kälte erinnert. Hin- und Rückfahrt waren ruhig, wir holten in der Bäckerei vor dem Busterminal eine Geburtstagstorte, die wir am Dienstag bestellt und bereits bezahlt hatten. Als wir nach Sonnenuntergang im Dorf ankamen, war gerade der Strom ausgefallen. Señora Carmen, unsere Ex-Putzfrau und ihre Tochter Andreína haben uns damit überrascht, daß sie sich an mein Geburtstagsdatum erinnert haben, ich bekam von ihnen einen Schlüsselanhänger geschenkt und das Happy Birthday gesungen, umgeben von der Liebe unserer Hunde und der Katze Nasenbär, und das alles in der totalen Dunkelheit! Erst als alles ziemlich vorbei war kam der Strom zurück, und dann konnte ich die Stromspannung mit dem Voltameter messen, den mir Uta geschenkt hat (mein kleiner Alter war vor einigen Wochen kaputtgegangen). So habe ich einen wirklich schönen Geburtstag gehabt, ich bin 35 geworden. (Und das ohne Midlife-Crisis, Gott sei Dank!)
Ich kann diesen Brief nicht beenden, ohne Dir bereits eine schöne Advents- und Weihnachtszeit zu wünschen (wenn möglich auch eine weiße Weihnacht, auch wenn das in unserem feuchten, grauen Norden eher selten vorkommt) an der Seite derjenigen die Du liebst und die Dich lieben, und daß das neue Jahr 2002 die Erfüllung viele Träume, die Verwirklichung vieler Pläne und Erfolg und beste Gesundheit für Dich und Deine Lieben bedeutet, vielleicht sogar auch unser Wiedersehen nach fünf Jahren. Wir wünschen es Dir vom ganzen Herzen.
Alles Liebe und sei umarmt von
Sérvulo + Uta
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