Was folgt ist ein Brief, den Uta an Brunhild, eine Reiki-Schülerin und gute Freundin von uns, gut ein Jahr nach unserem Umzug nach Chiguará geschrieben hat. Sie war 1997 bereits dort gewesen, und sie sollte uns noch dreimal besuchen, allerdings alleine. Der Kontakt zu ihr besteht für mich bis heute, ich habe sie nämlich auch viermal (2006, 2007 und 2012) in Deutschland nach Utas Tod 2006 besucht.
Durch Utas liebe- und humorvolle Beschreibung wird unser Leben von damals 21 Jahre später noch einmal sehr lebendig.
Und nun zum Brief:
Durch Utas liebe- und humorvolle Beschreibung wird unser Leben von damals 21 Jahre später noch einmal sehr lebendig.
Und nun zum Brief:
Chiguará,
14. Mai 1998
Liebe
Brunhild, lieber Peter,
was
ist das wieder für ein wunderschöner Brief. Dein Brief vom 24.4.,
und so lang. wir haben alles liegen- und stehengelassen und sofort
gelesen. Ganz ganz lieben Dank. Wir nehmen so richtig teil an Eurem
Leben und sind Euch so nah. Es ist schön, so liebe Freunde zu
haben. Denn, bei allden Freundschaften hier merken wir, daß die
Freundschaft in Deutschland viel tiefer und intensiver ist. So ist
unsere Sehnsucht, Euch hier verwöhnen zu können, nicht weniger als
Eure, hier zu sein. Wir hatten in der letzten Zeit oft wunderbare
klare Nächte, da hätten wir gern mit Euch in die Sterne geschaut,
da fehlen Freunde aus Deutschland, die all die Schönheit noch sehen.
Gestern
war ein ganz besonderer Tag, Andreína wurde 11. Wir kauften bereits
am Dienstag eine Geburtstagstorte in Mérida und Andreína hatten
einen Geburtstagstisch bei uns. Sie kam nach der Schule und freute
sich riesig über all die schönen "Kleinigkeiten".
Sérvulo hatte -durch Zufall - eine Kamera (Boxsystem) in Mérida
gefunden, das war der Hit. Die Kleine war außer sich, vor Freude
und diskutierte mit Sérvulo, wie die Kamera zu handhaben ist. Sie
funktioniert auf Knopfdruck. Dann wären da noch Dingelchen auf dem
Tisch wie Kerzchen, Lutscher und dazugehörige Blumenzahnbürste, ein
Kugelschreiber zum Umhängen, mit dem man Seifenblasen machen kann.
Seife, ein silbernes Ringlein - mehr fällt mir im Moment nicht ein.
Das Geburtstagskleid war just zum Geburtstag fertig und sie sieht süß
darin aus. Andreína half mir bei den Einkäufen und abends machten
wir eine kleinen Fête. Gäste waren: Andreína, Paolinchen, Sra
Carmen, Sérvulo und ich. Wir sangen das Feliz Cumpleaño und es gab
Frikadellen und Pommes - halt "Kindergeburtstag", dazu
O-Saft, für die Adultos (Erwachsenen) Cola + Rum. Wir hatten viel
Spaß, machten Topfschlagen und Andreína schnitt ihre Torte selbst.
Mittendrin mußten wir Paolinchen ins Bett bringen, weil sie kotzte,
die Schaukelei in der Hängematte war für die Kleine (2 Jahre alt)
wohl zu viel. Wir haben alles auf Video, nur, das Video funktioniert
nicht bei der Übertragung, der Videorekorder streikt. Sérvulo
bestellt sich einen Fernkurs, um die Reparatur machen zu können.
Öfters mal was Neues! Am Samstag ist dann der offizielle Geburtstag
für die Nachbarn und Elisabeth, die Schwester von Andreína.
Elisabeth studiert und arbeitet in Mérida und kann in der Woche
nicht nach Hause kommen. Wir backen einen neuen Kuchen für das Fest
am Samstag und feiern dann auch noch einmal.
So,
das zum Geburtstag und nun wieder zu Deinem Brief, liebe Brunhild.
Wir teilen Deine Meinung, daß die Barbie-Puppe ein tolles Geschenk
ist. Andreína spielt noch immer ganz glücklich damit. Was die
Konfektionsgröße betrifft, so habt Ihr jetzt bestimmt schon den
Brief mit diesen Daten. - Kleiner Tip, der vielleicht auch für Euch
reizvoll ist: Tako in Halstenbek und Elmshorn haben immer
runtergesetzte Sachen zu kleinen Preisen! So, jetzt muß ich Euch
was trauriges beichten, denn das gehört in diesen Bereich. Wenn Ihr
ein Paket schickt, dann muß unbedingt:
regalo sin valor drauf stehen (Geschenke ohne Wert). Euer Paket für
uns liegt in St. Antonio in der Nähe von St. Christobal beim Zoll
und wir haben keine Möglichkeit, dranzukommen. Die Fahrt nach St.
Christobal dauert ca. 4 Stunden. Von dort kommt man nur per Taxi
nach St. Antonio. Beide sind Orte an der Grenze zu Kolumbien und
saugefährlich. Selbst wenn wir die Fahrt wagen würden, wären 2 -
4 Tage nötig, um die Zollformalitäten zu erledigen. 2 Tage sind
für Hin- und Rückfahrt eingerechnet. Wir müßten uns ein Hotel
zum Übernachten suchen und dies alles kostet viel Geld, allein ca.
10, - DM für die Gebührenmarken der Zollbenachrichtigung. Hier in
Venezuela schafft man solche Dinge nicht ohne Zollagenten und der
kostet auch. Wir haben niemanden, der auf‘s Haus aufpaßt und bis
jetzt niemanden, der die Fahrt machen könnte, es fehlt uns auch
etwas "Zeit (Knete)". Die Kosten sind z.Zt. für uns nicht
drin. Wir hatten zwar einen Reiki-Kurs pro Monat, aber keine
Patienten. Das Geld des Kurses ist schon wieder aufgebraucht und wir
müssen etwas haushalten. Es tut uns in der Seele weh. Z.Zt.
telefonieren wir mit einer Tochten von Sra. Louisa, die beim "Amt"
in Caracas arbeitet. Diese Tochter, Carolina, versucht, das Paket
für uns zu retten. Wir hoffen noch immer. Das ist aber wieder die
andere Seite von Venezuela, die mich toben läßt. -Nur 1 Zollamt
400 km entfernt-.
So,
und nun möchten wir uns im Namen von Sra. Carmen für die $
bedanken. Diesmal wollte sie gern den $-Schein haben, um ihn
aufzubewahren. Sie bedankt sich von Herzen und bittet Gott, Euch zu
schützen. Sie sagt, es ist für sie ein Wunder, daß Bruni die
kleine Andreína so ins Herz geschlossen hat und hilft. Sie ist sehr
dankbar für diese Hilfe und wünscht Euch alles Glück und allen
Frieden.
Die
Kommunion ist am 26. Juli, die Uhrzeit steht noch nicht fest, da wir
immer noch keinen neuen Pater haben. Die Prüfung (Katechismus) hat
Andreína am Samstag bereits erfolgreich bestanden. Ich schreibe
wieder, sobald ich mehr weiß.
Wie
schön, daß Ihr noch Kontakt zu Hanni Ahrens habt. Ist sie nicht ne
süße alte Dame? Sie hat übrigens am 1. Juni Geburtstag, wird,
glaube ich, 84?
Schade,
daß die Reiki-Treffen nicht mehr stattfinden. Ich dachte, Gudrun
sei nun Reiki-Meisterin? Weißt Du übrigens, wo Ina und Erika den
Reiki-Meister machten? Hast Du noch mal was von Gordana gehört?
Von Ingrid Taylor hörten wir auch lange nichts. Kirsten schreibt
uns regelmäßig, die Heister Gruppe (Lucky und Sigi Nagel) haben
sich auch nicht mehr bei uns gemeldet. Das schläft nach einem Jahr
wohl langsam ein. Jens hat z.B. nie geschrieben. Ja, und Liz, das
ist alles ganz traurig, sie ist sehr im Streß mit ihrem kranken
Sohn. Das macht Liz viel viel Kummer und Sorgen. Ich hoffe, unserer
kleinen Shali geht es wenigstens gut.
Wie
gern würden wir Peter helfen, etwas Freude im Arbeitstag zu haben.
Das ist ja wirklich schlimm, was selbst am Arbeitsplatz in der
Familie abläuft. Warum sind wir Deutschen nur so perfekt. Ich
wünsche Peter, daß er es schafft, eine Rente wegen
Berufsunfähigkeit zu erhalten. Wichtig ist, daß er a.) unbedingt
eine Kur macht und seine Beschwerden viel schlimmer darstellt, als
sie sind - und, er muß auch am Arbeitsplatz krank sein. Wenn er
durcharbeitet, wird die Rente nicht gegeben, ich kenne solche Fälle
aus den Stadtwerken. Man muß "Monate" am Arbeitsplatz
fehlen und darf nach der Kur die Arbeit nicht
wieder aufnehmen, das ist wichtig dabei. Wenn Peter aus
Pflichtbewußtsein noch arbeitet, sagen die, es geht ja, und somit
keine Rente. Das ist ein harter Weg, gegen das Ego, aber Peter hat
bestimmt ne Chance. -Und dann seid Ihr frei und könnt zu uns
kommen, bleiben allerdings bei Euch noch die Katzenprobleme. Wenn
die Rente durch ist, kann Peter nach dem 600,- DM-Gesetz immer noch
dazujobben. Wir wünschen Euch viel viel Glück dabei. Mit der
Rente wird es Peter besser gehen, denn so macht er sich seelisch
kaputt. Also - alles alles Gute und viel Erfolg! Wir begleiten
Dich, lieber Peter, in Gedanken.
Liebe
Bruni, ich bin richtig neidisch, was Peter handwerklich so alles
macht. Mosaikfliesen sind bestimmt schwer zu handhaben. Wir haben
hier im Moment große Probleme mit der Elektrik. Die Gästedusche
explodierte ja und etliche Steckdosen funktionieren daraufhin nicht
mehr. Um die Wäsche zu waschen benutzen wir die Steckdose vom
Dachgarten und das ist nervig.
Ich
hoffe, daß wir bald einen Elektriker bekommen. Nun, bei Euch ist es
ähnlich mit der Heizung. Ihr habt das Glück, in einem geordneten
Land zu leben. Handwerker sind hier Mangelware, Chaoten und total
überteuert. Der Mensch, der unsere Mauer und die Zisterne bauen
sollte, wollte 180.000 Bs Arbeitslohn für ca. 1 Woche Arbeit. Ein
gut bezahlter Angestellter verdient in Caracas im ganzen Monat ca.
200.000 Bs. (800,- DM.) So, da fragt man sich, wie schaffen es die
Leute zu überleben. Nun, in den Familien leben die Kinder im Haus
und verdienen ebenfalls. Alles fließt in einen Haushalt. Deshalb
leben oft auch Eheleute mit Kindern im Elternhaus. Dabei sind die
Preise hier oft höher, als in Deutschland. Für einen
Schokoladenriegel bezahlen wir 300 Bs (ca. 1,25 DM). Das ist 1/4
einer Tafel Schokolade von Aldi, und das in einem Schokoladenland.
Übrigens, Sérvulo ist auf Diät für Süßigkeiten. Wir kurieren
gerade seinen Fußpilz aus und ohne Zucker ist der
Heilungsfortschritt sehr gut. Es ist auch gut für die überflüssigen
Pfunde. Unser Kuchenkonsum war einfach zu groß.
Nun
zu unseren Katzen. Letzte Nacht haben sie mal wieder getobt und die
Glasmurmeln auf die Straße geworfen. Nasenbär, Schneewittchen,
Dorothee und Minin (der gelbe Einwanderer) machten abends mit uns
einen Besuch bei Louisa. Mir ist es langsam peinlich, überall mit
der Katzenhorde aufzutauchen. Die streifen dann durch fremde Häuser
und Schneewittchen sprang durchs Schlafzimmerfenster ins Bett von
Sra. Louisa. Das sah nur ich, Louisa saß Gott sei Dank mit dem
Rücken zu ihrem Zimmer. Danach inspizierte Schneewittchen auch noch
den offenen Kleiderschrank. Ich tat so, als sähe ich das nicht.
Peinlich, peinlich. Wir sind aber froh, daß unsere Mietzen so
anhänglich sind. Um so mehr kann ich nachfühlen, was der Tod von
Charlie für Euch und die Mutti bedeutet. Wenn man ein Tierchen so
lange hat, vermißt man es doppelt. Wir sind ja schon in heller
Aufregung, wenn man eine Mietze nicht pünktlich zum Essen kommt.
Ihr werdet Charlie wohl immer vermissen, wenn Ihr bei Mutti seid.
Die Tierchen sind doch Familienmitglieder. Der Tod und dieses
Loslassen sind wirklich eine sehr schwere Übung. Ich habe jetzt
schon Angst, wenn mal ein Kätzchen fehlt. Wenn wir den Garten
gießen oder darin arbeiten, dann rasen die Katzen auf den Avocado.
Zu unserem Leidwesen schubsen sie auch immer noch die Bananen um.
Der Stamm ist so weich und sie wetzen ihre Krallen daran und wenn sie
auf einen jüngeren Trieb raufrasen, dann kippt er um. Graben Eure
Katzen postwendend alles aus, was Ihr gerade eingepflanzt habt?
Sowas muß ich heimlich machen, sonst wächst es nie an. Selbst das
frisch gepflanzte Zuckerrohr holt die Bande wieder aus der Erde. Die
kleine Palme (greifen) sie immer an. Langsam stört mich das alles
nicht mehr. Der Garten verwildert eh.
Daß
Du schon wieder eine Veränderung am Arbeitsplatz hast, ist wirklich
nervig. Bleibt die Arbeit wenigstens gleich? Da kann man verstehen,
daß junge Kollegen kündigen, denn ab einem bestimmten Alter ist das
nicht mehr möglich. Wir wünschen Dir viel Glück bei einer evtl.
Veränderung. Manchmal frage ich mich, ob ich in Deutschland
klarkäme. Wenn ich Deine Zeilen lese, weiß ich wieder, wie gut es
uns geht. Fehlt nur noch der Gewinn in Kino oder Lotto-Quiz. Dann
lese ich Deine Zeilen über das Ausmisten und sage mir gleich: was
soll das, Du hast doch alles und viel zu viel Mist, genau wie Bruni.
Ja, trotzdem sind halt Wünsche da. Wir möchten gern mal wieder im
Meer baden, Freunde in Deutschland besuchen und einen venezolanischen
Fernseher kaufen, damit ich die Sprache etwas lerne, denn mein
Spanisch ist immer noch etwas dürftig. Der Tag vergeht blitzschnell
- Jetzt ist es schon wieder 1/2 6 Uhr abends und Kochen ist
angesagt. Sra. Carmen war zwar heute da, aber, das Haus ist groß
und benötigt viel Arbeit. Ehrlich, manchmal bin ich auch zu faul.
So, Ihr lieben. Die Abendstimmung in Chiguará ist mal wieder
wunderbar. Es war heute ein heißer Tag und trotzdem liegt jetzt
Dunst im Tal. Wir haben die Terrasse etwas umgeräumt und einen
Schreibplatz direkt an der Brüstung. Von hier aus sehe ich das Tal,
die Plaza. Die Kirche wird durch den Avocado verdeckt. Alle Vögel
fliegen vor der Nacht noch mal unser Fensterbrett an. Calpiriña hat
2 Vogelbabys und die Christofui brüten wieder unten im
Schlafzimmerfenster. Weil es viel geregnet hat, ist alles grün.
Der Vulkan und die kleine Pyramide sind wolkenverhangen. Nur die
große Pyramide ist zu sehen. Paco, der neue Papagei von den
Nachbarn unten, flötet. Die Stimmung ist friedvoll, in einem Land,
in dem es vor den Wahlen brodelt. Aber unser Chiguará ist Gott sei
Dank sicher. Hier steht die Welt noch etwas still. Es ist die
Stunde, die ich gern mit einem Bananenwein begieße.
Also,
-denn Prost- bis bald, laßt Euch nicht unterkriegen und kommt zum
Auftanken her. Drückt uns die Daumen, daß wir Euer Paket doch noch
bekommen und laßt Euch in Gedanken herzlich umarmen
Eure
Uta + Sérvulo
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