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Noch ein Brief an Jutta

Es folgt ein weiterer Brief an Fr. Dr. Jutta Ginsberg (1933-2013), den Uta ein Paar Monate vor dem letzten geschrieben hat, den ich hier publisziert habe, den zum 40. Hochzeitstag von Jutta und Karol. In diesem Brief erzählte Uta, wie der Wolfspitz Lobito in unser Leben (kurz vor unseren Ferien auf Aruba) gekommen ist, - und wie hilflos ich als Stadtmensch manchmal war.
Eigentlich war ich maßlos glücklich, aber scheinbar war ich es nicht ganz, weil ich auf Margarita unterwegs war, um ein neues Haus zu finden, was mir nicht gelungen ist.


Und nun zum Brief:
25 Sept. 2002

Liebe Jutta,
die Zeit rennt und ich bin so lange nicht zum Schreiben gekommen. Der Zeitmangel läßt mich noch nicht mal altern. Bei meinem 14-Stunden-Tag mit Praxis, Haus, Garten und Tieren bin ich fitter aber auch fetter denn je. Heute kommt Sérvulo von der Isla Margarita zurück, ohne eine neue Bleibe gefunden zu haben. Mit Zwischenfinanzierung, ohne Aussicht auf Verkauf unseres Hauses ist eine Veränderung nicht möglich. Vielleicht ist das aber auch gut so, denn die Traurigkeit der Menschen, die uns hier lieben und deren Hoffnung wir sind, war groß. Wir sind die einzigen Menschen hier, die ihre wirklichen Freunde im Kreis der ganz Armen haben. Da wären Freunde weggegangen, die nicht nur zuhören, raten, respektieren, sondern auch Menschen, die mal mit einem Paket Reis und anderen Lebensmitteln helfen. Wenn das wegfällt, dann fühlen sich diese armen Menschen total verlassen. Dabei haben gerade die Armen hier die größten und liebevollsten Herzen. Im Gegensatz zu den "Reichen" hier teilen die Armen alles und geben, was sie übrig haben. In den Tagen an denen Sérvulo unterwegs war, wurde mir mal wieder klar, wie liebevoll sich alle kümmern. Schon morgen 1/2 9 Uhr stand der Erste vor der Tür, mit der Frage, wo er helfen könne. Die Einkäufe, die Sérvulo sonst macht, - das Tierfutter -, sind immer sehr schwer, montags und donnerstags 2 Körbe voll. Herr Reculio, ein alter, sehr alter Mann von 58 Jahren, schleppte die Lasten den Berg hinauf, wie ein junger Steinbock. Dabei herrscht bei uns im Augenblick eine unbeschreibliche Hitze und das seit Ende Juli. So heiß, sagen alle, war es noch nie. Alles verdorrt und ringsherum verwandelt sich das Grün in ein Braun. Überall auf der Welt regnet es, nur bei uns nicht. Der Regen fällt auf der anderen Seite der Berge, in den Llanos. Dort ist landunter wie überall.
Das Klima ist richtiges Genickschußwetter. Die Menschen sterben, wie die Fliegen. Jeden Tag läutet die Totenglocke. In der Nacht spüren wir die Ängste und Todeskämpfe. Die Kirche, mit der Drohung der Hölle, macht den Menschen das Sterben schwer. Viele Menschen haben Grippe, selbst der Präsident. Dank Sérvulos Kenntnisse der Homöopathie, haben wir ein Mittel gegen alles. Bei den ersten Anzeichen von Grippe genügt eine Echinazea CH 30 und man ist über den Berg. Selbst gegen Insekten, Schlangen und Scorpionbisse haben wir Mittel im Haus, homöopathische Mittel, die wirklich helfen. Sérvulo ist wirklich riesig gewachsen. Alle haben großes Vertrauen zu ihm. Die Homöopathie ist hier ist hier für die Basismittel eine Arznei der Armen. Ein Gläschen Globuli CH 30 kostet rund DM (Text bricht ab, Fotokopienrand) So billig ist kein anderes Mittel und so gut hilft auch keines. Sérvulo hat damit hier auf's richtige Pferd gesetzt.
Es ist schon komisch, da will man unbedingt fort (und man) wird in Liebe festgehalten. Also geschehe, was geschehen soll. Sérvulo träumt jedoch nach wie vor davon, Venezuela zu verlassen. Bei aller Liebe hat er die Schnauze voll von seinen Landsleuten.
Es gibt aber auch andere Dinge, mit denen dieses Großstadtkind schlecht zu Recht kommt. Ich muß immer wieder lächeln, wenn ich z. B. an folgende Begebenheit denke. Neulich abend duschten wir. Dazu benutzen wir das Bad mit der warmen Dusche am Ende der Garage. Die Garage ist ja wunderschön bunt gekachelt und eher Großbadezimmer als Garage. Allerdings ist hier auch der Durchgang zum Garten und alle Tiere (4 Hunde, 4 Katzen) benutzen diesen Weg. Unsere Mutti-Katze hatte mal wieder eine Mapanare gefangen, eine der giftigsten Schlangen hier und spielte diese vor der Badezimmertür tot. Wir zwei - nackig im Bad! Ich sah beim Verlassen des Bades nur etwas unter den Fußabtreter huschen, das Schlängchen. Nasenbär suchte es. Da kam das Tier an der Stufe zum Badezimmer hoch um ins Bad zu flüchten und mein nackter Sérvulo kam in Panik. Ich griff, total FKK, zu Besen und Schaufel und bugsierte das Wesen auf die Schaufel. Die Schlange war noch sehr lebendig und wehrte sich und so, wie ich war, konnte ich sie in den Garten werfen. Sérvulo ist in solchen Augenblicken total hilflos. Der Schlangenbändiger bin ich. Dafür bin ich hier die alte Seele, die hier schon so oft gelebt hat. Nicht umsonst kenne ich all die Naturheilmittel hier. Immer mehr des alten Wissens kommt hoch.
Wie Du gelesen hast, haben wir wieder 4 Hunde. Ich wollte nicht einen mehr und war da hart gegen mich selbst. Schon vor dem Aruba-Urlaub hatte Marzo einen Wolfspitz mitgebracht, den man weggeworfen hatte und der total ausgehungert war. Ich gab dem Tier Fressen vor der Tür und wunderte mich nur, daß es ein Rüde war, denn die werden ansonsten nicht ausgesetzt. Nun, nach dem Urlaub war das Viech immer noch da und schlief vor der Tür zur Praxis. Als dann sonntags eine Patientin an die Tür klopfen wollte, biß der Rüpel diese in die Oberschenkel. Wir verarzteten die Patientin und zum Schutz unserer weiteren Patienten zog "Lobito" ein. Dieser Wolf macht seinem Namen Ehre. Er ist nur mit Liebe zu erziehen und kann keinen harte Hand ertragen. Er beißt, wenn er sich bedroht fühlt. Dabei ist er ne ganz liebevolle Seele. Er ist stubenrein, macht nichts kaputt, gehorcht und weicht uns nicht von der Seite. Er hat Schwung unter das Hundevolk gebracht, denn er zwingt sie alle zum Spielen. Pilly hat endlich einen Welpen und lebt ihre Mütterlichkeit aus. Der Rest der Kastraten trainiert sich den Speck ab. Alle im Dorf haben Angst vor Lobito, denn man kann fast sagen, er hat den bösen Blick. Seine Spezialität: der Biß in die Weichteile vorn. Männer betreten unser Haus mit gekreuzten Händen an bewußter Stelle und ich schreie laut "neieieiein!" Gott sei Dank hört Lobito gut. Er ist der beste Schutz für das Haus, den man sich wünschen kann. Ich mag ihn nicht mehr missen, auch weil er privat sehr liebenswert ist. Mittlerweile ist er rund und gut genährt, ein glückliches Hundekind.
Ansonsten, zur Lage im Land, keine Veränderung. Der Präsident wird immer noch angegiftet und sollte aufgeben, er wird nie Ruhe haben. Das Land braucht einen Diktator, sonst wird es nie Ruhe haben. Was sind die Menschen hier blöd!! Aber lassen wir das.
Jetzt endlich zum Kern des Briefes!
Von ganzem Herzen die allerbesten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag, beste Gesundheit und Freude, Freude, Freude - und Frieden.
Schreib doch mal, wie sich die kleine Viktoria macht, wie macht sich Karolina als Mama? Wie geht es Felicia? Ich hoffe nur sehr, daß es Karol und Dir gesundheitlich besser geht und daß Ihr das Enkelkinderglück noch richtig genießen könnt. Ich wünsche es Dir, liebe Jutta, von Herzen und knuddele Dich für heute in Gedanken
Deine Uta + Sérvulo






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