1999 war die fürchterliche Katastrophe von Vargas. Wir waren bereits 1997 von Pinneberg in Schleswig-Holstein nach Chiguará in den venezolanischen Anden umgezogen, und wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits zweieinhalb Jahre lang ein bescheidenes, aber gutes Leben geführt. 1999 war ein verregnetes Jahr, daran kann ich mich erinnern, es gab keine richtige Trockenzeit, und dann wurde Vargas zum Ende dieses Jahres und so kurz vor dem Countdown zum neuen Millennium von diesem Jahrhundertereignis heimgesucht. Meine verstorbene Frau Astrid-Uta (ab heute allerdings werde ich sie hier öfter Uta nennen) hat per E-Mail einen Hilferuf an verschiedene deutsche Medien geschickt. Wir mussten dazu in die 60 Km. entfernte Stadt Mérida fahren, um an einen PC heranzukommen und zu mailen, denn unser Dorf hatte damals noch kein Internet!
Was folgt ist ihr Text von damals im genauen Wortlaut.
SOS! Venezuela!
Dies ist ein Hilferuf!
Venezuela benötigt dringend private Hilfe! Die Ausmasse der Katastrophe sind enorm. Ich lebe seit 3 Jahren in diesem Land; bin Deutsche und selbst nicht betroffen, da ich in Chiguará in den Anden lebe. Das einzige, was ich tun kann, ist dieser Hilferuf!
Wassermassen haben die gesamte Karibik-Küste zum Notstandsgebiet gemacht. Alle Fernsehstationen senden pausenlos Informationen über den Notstand, als Verbindungsglied zur Beschaffung wichtiger Hilfsgüter und als Kommunikationsmittel, um Vermisste aufzufinden. Das normale Fernsehprogramm ist abgesetzt.
Wasser "Trinkwasser" fehlt, sodass sich hier Privatinitiativen nur um Wasser und Wassertransport kümmern, teilweise durch Verteilung per Motocrossmaschinen. Die Fahrer dieser Maschinen leisten viel, bis zum Umfallen.
Den Mineralwasserproduzenten fehlte gestern das Granulat für die Plastikflaschen. Es fehlt an allen Ecken und Enden.
So bitte ich Sie um Unterstützung folgende Hilfsgüter, wenn irgend möglich, zu beschaffen, erbetteln, wie auch immer. Bitte veröffentlichen Sie meine Bitte, helfen Sie! Sprechen Sie mit Fluglinien, Pharmakonzernen, Brauereien und bringen Sie Sachspenden auf den Weg. Hier ist die Liste der dringend benötigten Güter:
Tabletten zur Herstellung von Trinkwasser, Chlor zum menschlichen Gebrauch (Reinigung von Trinkwasser)
Antibiotika
Antimykotika
schmerstillende und entzündungshemmende Mittel,
Verbandszeug jeglicher Art
OP-Handschuhe, Atemschutzmasken
Spritzen aller Grössen, Tropf- und Verweilkanülen
Mittel gegen Augenbindehautentzündung (Conjunctivitis)
Antidiarrhoe-Mittel
Desinfektionsmittel jeglicher Art
Medizinische Salzlösung (parenteral UND zum Einnehmen)
Tetanus-, Cholera- und Malariaprophylaxe
Windeln, Slipeinlagen für Menstruierende etc.
Matratzen, Decken
Unterwäsche für Erwachsene und Kinder
T-Shirts
Turnschuhe und Sandalen
Konservendosen mit: Kindernahrung, Fisch, Fleisch, Suppe, Fertiggerichte (Dosenöffner nicht vergessen!!)
Zahnbürsten und Zahnpasta
Bestecke (die Leute können die Suppe nicht mit den Fingern essen)
Wasser ohne Kohlensäure in Konserven oder Plastikflaschen
Wasserkanister
Benzinkanister
Bitte helfen Sie mit Ärzteteams, Feldlazaretteinrichtungen,
Es fehlen Rettungshubschrauber und Räumfahrzeuge
Mag sein, dass wir vieles vergessen haben,links und rechts von uns sitzen Menschen, die per E-Mail verschollene Angehörige suchen. Bitte komplettieren Sie die Liste, wenn Ihnen etwas einfällt.
Der Hauptflughafen Maiquetía ist gesperrt, wird als Notaufnahmelager und Sanitätsstations benutzt. Die Flughäfen Valencia und Porlamar sind offen und Personen zur Annahme von Hilfsgütern stehen bereit. Ansprechpartner hier in Mérida in der Bergunsstation des Distriktes (FUNDEM) sind folgende E-Mail-Adressen:
alexa@fundem.gov.ve sowie reina@fundem.gov.ve
Stichwort: "EMERGENCIA"
Eine kurze Übersicht der Situation:
Tagelange Regenfälle haben eine Apokalypse ausgelöst. Die Küste Venezuelas ist auf dem Landweg kaum zugänglich, da die Küstenstrasse, früher teils Schotterpiste, heute nicht mehr existiert. Wassermassen, Geröll bis hin zu Findlingsgrösse, Holz etc. haben tiefe Schneisen in die Berghänge gerissen, die Strassen und menschliche Siedlungen weggewischt. Nicht nur die Elendsviertel an den Bergen von Caracas sind betroffen, die gesamte venezolanische Küste ist zugeschüttet oder überschwemmt, bis hin nach Maracaibo.
Das Militär und die Rettungseinheiten, vorbildlich koordiniert von Präsident Chávez, sind Tag und Nacht in Einsatz, ein Tropfen auf dem heisen Stein, bei der Länge der Küste, dem Mangel an Einsatzgeräten (Hubsschraubern / Räummaschinen). Viele Küstenbereiche sind nur per Hubschrauber zu erreichen. Die kleinen Siedlungen am Fusse der Berge - in unmittelbarer Nähe der Küste - sind, wenn sie noch existieren, total abgeschnitten. Schroffe Felswände und Urwald lassen wenig Möglichkeit des Durchkommens. Die Stromversorgung ist ausgefallen, wie gesagt, die einzige Landstrasse, die es gab, ist weggerissen.
Es fehlt an ärztlicher Versorgung sowie Trinkwasser und Nahrung. Ein Hohn, dass eine Wasserkatastrophe so eine Trinkwassernot bewirkt. Ohne Hilfe wird es Monate dauern, bis Zugänge geräumt und befahrbar sind.
Auch private Hilfskräfte arbeiten seit Tagen rund um die Uhr, Fernsehen und Rundfunk ebenfalls. Jederzeit werden Suchmeldungen durchgegeben, wir haben einen Zustand wie nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland.
Ich hoffe, mein Hilferuf hat Erfolg. Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung und bin am Donnerstag den 23.12. wieder hier in der Fundem, in der auch diese E-Mail geschrieben wurde. Um hierher zu gelangen, fahre ich 1 1/2 Stunden von Chiguará hin und zurück. In Chiguará haben wir kein Telefon, es handelt sich um ein verschlafenes Andendorf, da steht die Zeit noch still. Selbst der Rettungsdienst in Chiguará hat kein Telefon, lediglich eine Nachbarin, die keine andere Sprache ausser Spanisch spricht. Der Zeitunterschied beträgt 5 Stunden. Jetzt ist es 13:00 Uhr hier, bei Ihnen 18:00 Uhr. Wenn Sie anrufen, bitte zu menschlichen Zeiten, die Nachbarin kann uns holen, um Fragen zu beantworten. Rufen Sie in diesem Fall nach 15 Minuten nochmals an um Kosten zu sparen. Fragen Sie nach Señora Uta, bin bekannt wie ein bunter Hund. Meine Adresse: Uta Wahls de Uzcátegui-Gómez, Calle Delicias 4 - 71, Chiguará 5136 (Mérida).
Ich danke Ihnen. Frohe Weihnachten.
Ihre Uta Wahls de Uzcátegui
Was folgt ist ihr Text von damals im genauen Wortlaut.
SOS! Venezuela!
Dies ist ein Hilferuf!
Venezuela benötigt dringend private Hilfe! Die Ausmasse der Katastrophe sind enorm. Ich lebe seit 3 Jahren in diesem Land; bin Deutsche und selbst nicht betroffen, da ich in Chiguará in den Anden lebe. Das einzige, was ich tun kann, ist dieser Hilferuf!
Wassermassen haben die gesamte Karibik-Küste zum Notstandsgebiet gemacht. Alle Fernsehstationen senden pausenlos Informationen über den Notstand, als Verbindungsglied zur Beschaffung wichtiger Hilfsgüter und als Kommunikationsmittel, um Vermisste aufzufinden. Das normale Fernsehprogramm ist abgesetzt.
Wasser "Trinkwasser" fehlt, sodass sich hier Privatinitiativen nur um Wasser und Wassertransport kümmern, teilweise durch Verteilung per Motocrossmaschinen. Die Fahrer dieser Maschinen leisten viel, bis zum Umfallen.
Den Mineralwasserproduzenten fehlte gestern das Granulat für die Plastikflaschen. Es fehlt an allen Ecken und Enden.
So bitte ich Sie um Unterstützung folgende Hilfsgüter, wenn irgend möglich, zu beschaffen, erbetteln, wie auch immer. Bitte veröffentlichen Sie meine Bitte, helfen Sie! Sprechen Sie mit Fluglinien, Pharmakonzernen, Brauereien und bringen Sie Sachspenden auf den Weg. Hier ist die Liste der dringend benötigten Güter:
Tabletten zur Herstellung von Trinkwasser, Chlor zum menschlichen Gebrauch (Reinigung von Trinkwasser)
Antibiotika
Antimykotika
schmerstillende und entzündungshemmende Mittel,
Verbandszeug jeglicher Art
OP-Handschuhe, Atemschutzmasken
Spritzen aller Grössen, Tropf- und Verweilkanülen
Mittel gegen Augenbindehautentzündung (Conjunctivitis)
Antidiarrhoe-Mittel
Desinfektionsmittel jeglicher Art
Medizinische Salzlösung (parenteral UND zum Einnehmen)
Tetanus-, Cholera- und Malariaprophylaxe
Windeln, Slipeinlagen für Menstruierende etc.
Matratzen, Decken
Unterwäsche für Erwachsene und Kinder
T-Shirts
Turnschuhe und Sandalen
Konservendosen mit: Kindernahrung, Fisch, Fleisch, Suppe, Fertiggerichte (Dosenöffner nicht vergessen!!)
Zahnbürsten und Zahnpasta
Bestecke (die Leute können die Suppe nicht mit den Fingern essen)
Wasser ohne Kohlensäure in Konserven oder Plastikflaschen
Wasserkanister
Benzinkanister
Bitte helfen Sie mit Ärzteteams, Feldlazaretteinrichtungen,
Es fehlen Rettungshubschrauber und Räumfahrzeuge
Mag sein, dass wir vieles vergessen haben,links und rechts von uns sitzen Menschen, die per E-Mail verschollene Angehörige suchen. Bitte komplettieren Sie die Liste, wenn Ihnen etwas einfällt.
Der Hauptflughafen Maiquetía ist gesperrt, wird als Notaufnahmelager und Sanitätsstations benutzt. Die Flughäfen Valencia und Porlamar sind offen und Personen zur Annahme von Hilfsgütern stehen bereit. Ansprechpartner hier in Mérida in der Bergunsstation des Distriktes (FUNDEM) sind folgende E-Mail-Adressen:
alexa@fundem.gov.ve sowie reina@fundem.gov.ve
Stichwort: "EMERGENCIA"
Eine kurze Übersicht der Situation:
Tagelange Regenfälle haben eine Apokalypse ausgelöst. Die Küste Venezuelas ist auf dem Landweg kaum zugänglich, da die Küstenstrasse, früher teils Schotterpiste, heute nicht mehr existiert. Wassermassen, Geröll bis hin zu Findlingsgrösse, Holz etc. haben tiefe Schneisen in die Berghänge gerissen, die Strassen und menschliche Siedlungen weggewischt. Nicht nur die Elendsviertel an den Bergen von Caracas sind betroffen, die gesamte venezolanische Küste ist zugeschüttet oder überschwemmt, bis hin nach Maracaibo.
Das Militär und die Rettungseinheiten, vorbildlich koordiniert von Präsident Chávez, sind Tag und Nacht in Einsatz, ein Tropfen auf dem heisen Stein, bei der Länge der Küste, dem Mangel an Einsatzgeräten (Hubsschraubern / Räummaschinen). Viele Küstenbereiche sind nur per Hubschrauber zu erreichen. Die kleinen Siedlungen am Fusse der Berge - in unmittelbarer Nähe der Küste - sind, wenn sie noch existieren, total abgeschnitten. Schroffe Felswände und Urwald lassen wenig Möglichkeit des Durchkommens. Die Stromversorgung ist ausgefallen, wie gesagt, die einzige Landstrasse, die es gab, ist weggerissen.
Es fehlt an ärztlicher Versorgung sowie Trinkwasser und Nahrung. Ein Hohn, dass eine Wasserkatastrophe so eine Trinkwassernot bewirkt. Ohne Hilfe wird es Monate dauern, bis Zugänge geräumt und befahrbar sind.
Auch private Hilfskräfte arbeiten seit Tagen rund um die Uhr, Fernsehen und Rundfunk ebenfalls. Jederzeit werden Suchmeldungen durchgegeben, wir haben einen Zustand wie nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland.
Ich hoffe, mein Hilferuf hat Erfolg. Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung und bin am Donnerstag den 23.12. wieder hier in der Fundem, in der auch diese E-Mail geschrieben wurde. Um hierher zu gelangen, fahre ich 1 1/2 Stunden von Chiguará hin und zurück. In Chiguará haben wir kein Telefon, es handelt sich um ein verschlafenes Andendorf, da steht die Zeit noch still. Selbst der Rettungsdienst in Chiguará hat kein Telefon, lediglich eine Nachbarin, die keine andere Sprache ausser Spanisch spricht. Der Zeitunterschied beträgt 5 Stunden. Jetzt ist es 13:00 Uhr hier, bei Ihnen 18:00 Uhr. Wenn Sie anrufen, bitte zu menschlichen Zeiten, die Nachbarin kann uns holen, um Fragen zu beantworten. Rufen Sie in diesem Fall nach 15 Minuten nochmals an um Kosten zu sparen. Fragen Sie nach Señora Uta, bin bekannt wie ein bunter Hund. Meine Adresse: Uta Wahls de Uzcátegui-Gómez, Calle Delicias 4 - 71, Chiguará 5136 (Mérida).
Ich danke Ihnen. Frohe Weihnachten.
Ihre Uta Wahls de Uzcátegui
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