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Brief an I. - Chiguará

Hallo überall,

nun beginne ich mit dem Zusammentragen der Briefe und Texte meiner geliebten Uta. Jahrelang hat sie einen konstanten Briefwechsel mit lieben Freundinnen und Verwandten aufrechterhalten, die sie in Deutschland zurückgelassen hat.  Damals, im Laufe der Jahre, habe ich so viel davon vor dem Abschicken fotokopiert, wie ich nur konnte, und das Meiste hat die mittlere Katastrophe meines Umzugs 2011 überlebt!  Die Namen werde ich mir vorbehalten und beschränke sie auf die Anfangsbuchstaben. Wie immer schreibe ich Utas ursprünglichen Wortlaut nieder; schon ab jetzt soll klargestellt werden, daß Uta die letzte Rechtschreibreform nicht mitgemacht hat!

Und nun der Brief, vom 16. Januar 2006.


Liebe I.,
nun wird es aber wirklich Zeit, mich für Deinen sooo langen und schönen Brief vom 3. Okt. zu bedanken.  Im Februar bist Du ja bestimmt aus Kenia zurück und ich hoffe vom Herzen, daß es wieder eine wunderschöne Zeit war.  Wir haben hier das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel gut überlebt, denn Südamerika ist da so ne Sache für sich, nach dem Motto:  «Lauter geht”s nicht.»  Am 24. Dez. und 31. Dez. könnten wir nie das Haus verlassen, draußen tobt der Bär.  Unsere Hunde und einige Hunde der Nachbarn gehen uns nicht aus den Füßen, sie ziehen an diesen Tagen schon morgens in unser Haus ein.  Die Knallerei macht alle total ängstlich.  So hatten wir auch in diesem Jahr «Charlie», einen Dackel und «Tigresa» eine getiegerte Hündin im Haus.  Herr Reculio, unser Indio, dier die Tierfuttereinkäufe für ca. 10 Hunde tätigt, feierte beide Tage mit uns.  Seine Mama war im Febr. 2005 verstorben und trotz großer Familie (die immer nur kommt, wenn sie was braucht), ist er recht allein.  Er ist ein angenehmer Mensch, der nicht stört.  Er kann weder lesen noch schreiben, ist aber ein Teil der Natur und er kann zu uns kommen, wann er will.  So haben wir,  umgeben von allen Kötern und Mietzen, auf unserer Dachterrasse (eigentlich unser Wohnzimmer von 220 qm) zu Abend gegessen, Fern gesehen und danach das Dorffeuerwerk über uns ergehen lassen - von genießen kann keine Rede sein.

Herr Reculio hatte Schweinerippen besorgt, mir kam es vor wie 1/4 Schwein, diese habe ich im Herd 5 Stunden lang gegrillt (die Trichinen waren bestimmt tot) und mit Gemüsereis gegart.  Bin ja Vegetarier - und so hatte ich für meinen Rippenanteil eine Hundebande zu Freunden.  Die hatten eh 5 Stunden lang den Braten in der Küche bewacht.  Somit hatten wir ein schönes, aufregendes aber dennoch friedliches Fest.  Silvester explodierte dann so gegen 10 Uhr nachts ein Stromtransformator eine Straße tiefer und verursachte einen Stromausfall.  Wir spielten unterdessen Domino mit Reculio und schlossen Wetten ab, wann der Schaden wohl repariert werden würde.  Sérvulo wettete mit Reculio um 1 Flasche Sekt, daß es 1 - 2  Tage dauern würde, bis jemand käme.  Ich verteilte in Gedanken schon den Inhalt meiner Tiefkühltruhe, die «Randvoll» war.  Wie Du aber schon in Deinem Brief schreibst, Wunder gibt es immer wieder.  Sérvulo verlor seine Sektflasche an Reculio, denn die Stromgesellschaft hatte den Schaden bereits 11 Uhr nachts repariert.  Wir marschierten unsere steile Dorfstraße hinunter und bedankten uns mit einer Flasche Wein.  Die anderen Nachbarn kamen mit Tellern voller Speisen und das Leiterfahrzeug hatte bald ein Buffet aufgebaut.  Die Stromleute genossen den Jahreswechsel der anderen Art.  Freude und Harmonie umgab uns und das schätze ich so an den Südamerikanern.  Diese Menschen können so menschlich und liebenswert sein!!  Geknallt wurde dann aber trotzdem wieder, aber weniger, als im letzten Jahr.

Nun haben wir schon wieder die Praxis geöffnet und bereiten den nächsten Urlaub auf Aruba vor.  (Ohne Hurrricans).  Die 10 Tage auf Curacao im Nov./Dez. waren schön und erholsam.  Wir hatten diesmal ein Studio in Westpunt gemietet, direkt am Meer, ansonsten am A... der Welt.  Von unserer Terrasse aus konnten wir - Kaffeetasse / oder Weinglas in der Hand - die
grasenden Meeresschildkröten im  Kristallklaren Wasser beobachten.  Unsere Anlage (ein Tauchereldorado) liegt an einer Fischerbucht, steinig mit wenig grauem Strand.  Trotzdem haben wir, weil es so schön war, für Mai und November wieder gebucht.  Die Bevölkerung von Curacao ist schwarz, spricht Papiemento, Spanisch und Englisch.  Der Unterschied zu Venezuela ist gering.  Im Gegensatz zu Aruba fühlen wir uns auf Curacao heimischer.  Da kann ich gleich Deine Fragen beantworten, was für Bücher wir lesen.  Also - Freundinnen schicken hin und wieder Taschenbücher in Deutsch.  Auch den Readers Digest erhalte ich immer per Post, wenn er ausgelesen ist.  Englisch ist mir fast abhanden gekommen, hab unendlich viel vergessen.  Hier spreche ich Spanisch und auf Aruba + Curacao auch.  Alle mögen die Amerikaner nicht und uns öffnen sich sofort Türen und Tore, wenn wir Spanisch sprechen und Sérvulo beginnt schon mit Papiemento - ne ganz süße Sprache übrigens.  Da Sérvulo nicht der große Kämpfer ist, war es für mich lebenswichtig, Spanisch zu sprechen.  Heute kann ich mich gut verständigen mit allen “Unflätigkeiten” und “Zurechtweisungen”, die nötig sind, um die Menschen hier mit den eigenen Waffen zu schlagen.  Man wird sonst nicht respektiert.  Hier in Südamerika habe ich meine zugeschüttete Seite gefunden.  Früher war ich leise, lieb, angepaßt, bemüht, es allen Recht zu machen.  Hier brülle ich, packe meine Köter und haue sie, wenn’s nötig ist und wenn ich die Stimme erhebe, drückt sich alles auf der anderen Straßenseite den Zaun entlang.  Sérvulo sagt, ein Kasernenhofton sei nen Dreck gegen meine Stimme.  Gott sei Dank liebt er mich, wie ich bin.  Auch weiß er, daß Durchsetzungsvermögen auf diesem Kontinent in “meiner” Form überlebenswichtig ist.  So habe ich schon viele Dinge bewegt, die sonst in Venezuela nicht funktionieren.  In allen Ämtern, Banken, Institutionen spreche ich jetzt immer gleich mit dem Zirkusdirektor und nicht mehr mit den Clown’s.  Ich glaube, Du erkennst mich nicht wieder.
Über die weisse Massai haben wir eine Reportage zum Film in der DW gesehen.  Afrika und Südamerika sind aber nicht zu vergleichen und doch oft so ähnlich.  (Papierkrieg um ein Visum)  Wir leben hier in den Anden inmitten von Einheimischen trotzdem recht verklausuliert, lassen nur wenige Leute an uns heran.  Unser Privatbereich im Haus ist hermetisch abgeschlossen.  Die Patienten werden in einer anderen Etage behandelt und keiner betritt den Privatbereich.  Auch Reiki-Kurse klammern den Privatbereich aus.  Keiner im Dorf kennt Sérvulos Musikstudio und Fernsehstudio, nur ein befreundeter Rechtsanwalt “Liborio” genannt, italienischer Herkunft.  Er betreibt das Fernsehkabelnetz der Region und Sérvulo als “diplomierter Fernsehtechniker” per Hemphill Schools besorgt neue Satellitenfrequenzen und löst alle Probleme, die Liborios angestellte “Techniker” nicht in den Griff bekommen.  Sérvulo ist ein Allround-Genie, auch auf diesem Gebiet.  Er steuert viel über seinen Laptop, brennt CD’s und kopierte das beiliegende Bild.  Sérvulo ist mehr Europäer, als ich.  Ich bin die Einheimische.  Ich kenne die Pflanzen und Tiere und ich befördere die Giftschlange oder den Skorpion in den Garten.  Ich erziehe das Hundevolk, manage Haus und Garten.  Viele Dinge der Natur weiß ich einfach, obwohl ich in diesem Leben das 1. Mal hier bin.  Alles ist mir vertraut, es ist mein Land, hier sind meine Wurzeln.  Ich weiß mehr über die Natur hier, als die Einheimischen.  Es ist alles in meinen Zellen gespeichert.
Ich hatte angefangen, ein wenig aufzuschreiben, es fehlt mir aber die Zeit. Mit Praxis, Tieren, Menschen und Haus ist mein Leben ausgefüllt.
Ach ja, Du fragst bestimmt, warum wir uns so abschirmen?  Nun, aus Sicherheitsgründen.  Der Indio will alles haben, was er sieht und wenn Du es nicht schenkst, dann klaut er es.  Ein Beispiel:  ich hatte am Anfang gern kleine Gästehandtücher im WC, so ein Packen von 10-12 Stück.  Ständig wollte jemand ein Gästehandtuch, weil ich ja so viele davon hätte und nur eins bräuchte.  Das ist die Mentalität hier.  So haben wir im Publikumsbereich alles in beschrenktem Maße incl. Besteck + Teller etc.  Das ist anstrengend, aber nicht anders machbar.  Mich wundert es nur, daß so wenig Zeitschriften in der Praxis geklaut werden.  Allerdings verschenke ich oft auch ne neue, wenn die in der Wartezeit nicht ausgelesen wurde.  Andere Praxen machen schlechtere Erfahrungen.

So, liebe I., für heute lasse ich es sein.  Alles liebe und bis bald

                                                              Deine Uta                             

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