Um das Jahr 2002 hat meine verstorbene Frau Uta ihre Eindrücke und Erfahrungen mit dem unmöglichen Banksystem meines Heimatlandes in einem Text zusammengefasst, der eigentlich Teil ihres Venezuela-Buches werden sollte - aus dem Buch wurde nichts, aber einige wertvollen Texte sind erhalten geblieben, wie es so langsam auf diesem Blog ersichtlich wird.
Dazu kann ich nur sagen: ein Glück, daß sie die gegenwärtige Entwicklung der venezolanischen Wirtschaft und deren Banksystems nicht mehr miterleben mußte!
Nun der Text:
DAS BANKSYSTEM
Früher bin ich davon ausgegangen, daß es weltweit ein einheitliches Banksystem
gibt.
Mein Weltbild änderte sich bei meiner Ankunft in Venezuela.
Zuerst dachte ich, es gibt in den Banken etwas umsonst, so lang waren die Schlangen und so geduldig warten die Kunden.
Nichts - diese armen Leute genießen das umständlichste Banking der Welt.
Wer mit der Bank zu tun hat, hat zumindest ein Sparbuch. Zum Konto konnte ich mich nie durchringen, da bekomme ich eine Riesenwut. Aus folgendem Grund: um überhaupt ein Konto eröffnen zu können, muß man eine Grundeinzahlung tätigen, die bei Bs. 250.000 liegt, umgerechnet DM 750,-. Diese Grundeinzahlung muß auf dem Konto bleiben, solange das Konto besteht. Eigentlich schenkt man der Bank diese DM 750,-. Möchte man nun mal Kontobewegungen haben, so muß man erst mal den Betrag einzahlen, den man bewegen will. Es ist nämlich nicht möglich, die Summe der Grundeinzahlung zu unterschreiten, dann bezahlt man Strafzinsen für die Benutzung des eigenen Geldes. Das ruft immer noch Wut bei mir hervor und verstehen werde ich dieses System in diesem Leben wohl nicht mehr.
So haben wir uns ein Sparbuch zugelegt, denn ein Konto muß der Mensch ja haben. In Deutschland ist ein Sparbuch eine feine Sache, die eigentlich nie kontrolliert werden muß. Das ist in Venezuela anders. Wir zahlten versuchsweise Bs. 15.000 - ca. DM 50,- - ein und vergaßen das Sparkonto für ca. drei Monate. Welches Erstaunen erfaßte uns, als das Konto nach drei Monaten um DM 10,- geschrumpft war - man hatte fleißig Kontoführungsgebühren abgezogen. Lächelnd erklärte uns die Sachbearbeiterin, daß Zinsen nur anfallen, wenn ein Betrag von Bs. 50.000 fest auf dem Konto eingezahlt ist. Wutentbrannt haben wir das Konto sofort aufgelöst. Mittlerweile haben wir drei dieser Sparkonten. Nicht etwa, weil der Wohlstand bei uns angebrochen ist, nein, so ist das nicht. Die drei Konten haben praktische Gründe.
Am Anfang unseres Aufenthaltes hier, besaßen wir noch Dollarreiseschecks, alles andere Geld hatten wir bei der Ankunft anläßlich eines bewaffneten Raubüberfalles verloren. Etliche Arbeiten am Haus waren zu machen, Kachelarbeiten in den Bädern, das Dach etc. Wir mußten also einige Reiseschecks einlösen. In Deutschland ist das ein Akt von Minuten. Nun, hier in Venezuela ist das ganz anders. Zuerst steht man mindestens - wenn man Glück hat - eine halbe Stunde in der Schlange des entsprechenden Schalters. Dann atmet man auf und glaubt, gewonnen zu haben. So ist das aber nicht. Der Schalterbeamte schaut erst mal mißmutig. Dann schaut er sich den Paß an. Dann kramt er mindestens drei bis vier unterschiedliche Formulare hervor. Er sagt nichts, sein Gehirn arbeitet. Er denkt angestrengt nach. In diesem Fall schob er mir die Reiseschecks im Werte von US$ 400 über die Theke zurück und meinte, er könne höchstens US$ 200 wechseln. Was nun? Wieder mittlerer Wutanfall bei mir. Wie kommen diese Clowns dazu, mir eine Grenze zu setzen. Seitdem gilt bei uns der Spruch: “Man spreche in Venezuela nicht mit den Clowns, sondern gleich mit dem Zirkusdirektor”. Also, rein zur Managerin der Bank -sprich Zirkusdirektorin. Es ist nicht zu glauben und ich schwöre, das ist die Wahrheit, die reine Wahrheit. Ich mußte der “Zirkusdirektorin” erklären, warum ich so viel Geld brauche, man will mich schützen. Die Dachreparatur zieht und auch, daß ich nicht jeden Tag nach Mérida fahren kann - eine Stunde Weg hin und zurück, um die US$ 400 Tröpfchenweise zu erhalten. Die Zirkusdirektorin gibt dem Clown die Anweisung, ausnahmsweise $ 400 umzuwechseln, welche Gnade. Nun stehe ich wieder halbe Stunde in der Schlange, es ist halb zwei Nachmittags. Der Clown verzieht keine Miene, füllt die Papiere aus und verlangt mindestens auch Unterschriften von mir, plus 2x 4 Unterschriften vorn und hinten auf den Reiseschecks. Dann kriege ich eine Nummer für den Schalter Nr. 13. Dort soll ich aufgerufen werden.
Der Clown rächt sich gewaltig. Er bummelt, gibt die Papiere nicht weiter und mein Geld bekomme ich - endlich - als Letzte, denn die Bank schließt gleich nach mir. Die Zirkusdirektorin hat mich zur Eröffnung eines Kontos überredet, dann geht alles schneller, die Schecks aufs Konto, das Abheben problemloser. Gut, ich spare Zeit, die Bank verdient. Bei der Eröffnung des Kontos hat die Zirkusdirektorin gewonnen. Nun haben wir ein Konto bei der Banco Provincial. Nun sind wir gesellschaftsfähig.
Das Konto bei der Banco Unión wurde aus ähnlichen Gründen eröffnet. Wenn bei der Banco Provinzial Stromausfall ist oder die Computer ausgefallen sind, dann gibt es auch keinen Reiseschecktausch. Die Leute bei der Banco Unión sind etwas beweglilcher, machen aber den gleichen Papierkrieg und wechseln gar nicht, wenn kein Konto besteht. Für die Umwechslung von US$ 200 wird vom Kunden eine Wartezeit von ca. 2 Stunden erwartet. Dafür lächeln die Angestellten und sind recht nett. Deren Zirkusdirektor kam aber auch schon zum Einsatz, als ein Pärchen aus England Bs. 500.000 abhob und die Summe in Packen von 500 Bs.-Scheinen ausgehändigt bekam. Zehn offene Schalter hatten angeblich keine großen Scheine. Mein Mann begleitet das Pärchen, das wenig Spanisch sprach, zum Chef. Der machte das Unmögliche möglich. Die Geldpacken wurden in 10.000 Bs.-Scheine gewechselt. So eine Summe muß hier am Körper getragen werden und Touristen sind ausgesuchte Opfer von Überfällen. Wir hoffen, daß das Pärchen durch unsere Tipps zur Vorsicht einen schönen Urlaub verleben konnte.
Wir haben unsere Sparkonten aus Sicherheitsgründen, wenn der Bankautomat streikt, wenn mal wieder nicht gewechselt werden kann oder wenn ein in Europa übliches, einfaches Bankgeschäft nicht zu wuppen ist. So ist ein Tag, an dem ein Gang zur Bank ansteht, immer ebenfalls ein aufregender Tag.
In der Schlange steht man allerdings immer, mindestens eine Stunde. Und umsonst gibt es nichts.
Dazu kann ich nur sagen: ein Glück, daß sie die gegenwärtige Entwicklung der venezolanischen Wirtschaft und deren Banksystems nicht mehr miterleben mußte!
Nun der Text:
DAS BANKSYSTEM
Früher bin ich davon ausgegangen, daß es weltweit ein einheitliches Banksystem
gibt.
Mein Weltbild änderte sich bei meiner Ankunft in Venezuela.
Zuerst dachte ich, es gibt in den Banken etwas umsonst, so lang waren die Schlangen und so geduldig warten die Kunden.
Nichts - diese armen Leute genießen das umständlichste Banking der Welt.
Wer mit der Bank zu tun hat, hat zumindest ein Sparbuch. Zum Konto konnte ich mich nie durchringen, da bekomme ich eine Riesenwut. Aus folgendem Grund: um überhaupt ein Konto eröffnen zu können, muß man eine Grundeinzahlung tätigen, die bei Bs. 250.000 liegt, umgerechnet DM 750,-. Diese Grundeinzahlung muß auf dem Konto bleiben, solange das Konto besteht. Eigentlich schenkt man der Bank diese DM 750,-. Möchte man nun mal Kontobewegungen haben, so muß man erst mal den Betrag einzahlen, den man bewegen will. Es ist nämlich nicht möglich, die Summe der Grundeinzahlung zu unterschreiten, dann bezahlt man Strafzinsen für die Benutzung des eigenen Geldes. Das ruft immer noch Wut bei mir hervor und verstehen werde ich dieses System in diesem Leben wohl nicht mehr.
So haben wir uns ein Sparbuch zugelegt, denn ein Konto muß der Mensch ja haben. In Deutschland ist ein Sparbuch eine feine Sache, die eigentlich nie kontrolliert werden muß. Das ist in Venezuela anders. Wir zahlten versuchsweise Bs. 15.000 - ca. DM 50,- - ein und vergaßen das Sparkonto für ca. drei Monate. Welches Erstaunen erfaßte uns, als das Konto nach drei Monaten um DM 10,- geschrumpft war - man hatte fleißig Kontoführungsgebühren abgezogen. Lächelnd erklärte uns die Sachbearbeiterin, daß Zinsen nur anfallen, wenn ein Betrag von Bs. 50.000 fest auf dem Konto eingezahlt ist. Wutentbrannt haben wir das Konto sofort aufgelöst. Mittlerweile haben wir drei dieser Sparkonten. Nicht etwa, weil der Wohlstand bei uns angebrochen ist, nein, so ist das nicht. Die drei Konten haben praktische Gründe.
Am Anfang unseres Aufenthaltes hier, besaßen wir noch Dollarreiseschecks, alles andere Geld hatten wir bei der Ankunft anläßlich eines bewaffneten Raubüberfalles verloren. Etliche Arbeiten am Haus waren zu machen, Kachelarbeiten in den Bädern, das Dach etc. Wir mußten also einige Reiseschecks einlösen. In Deutschland ist das ein Akt von Minuten. Nun, hier in Venezuela ist das ganz anders. Zuerst steht man mindestens - wenn man Glück hat - eine halbe Stunde in der Schlange des entsprechenden Schalters. Dann atmet man auf und glaubt, gewonnen zu haben. So ist das aber nicht. Der Schalterbeamte schaut erst mal mißmutig. Dann schaut er sich den Paß an. Dann kramt er mindestens drei bis vier unterschiedliche Formulare hervor. Er sagt nichts, sein Gehirn arbeitet. Er denkt angestrengt nach. In diesem Fall schob er mir die Reiseschecks im Werte von US$ 400 über die Theke zurück und meinte, er könne höchstens US$ 200 wechseln. Was nun? Wieder mittlerer Wutanfall bei mir. Wie kommen diese Clowns dazu, mir eine Grenze zu setzen. Seitdem gilt bei uns der Spruch: “Man spreche in Venezuela nicht mit den Clowns, sondern gleich mit dem Zirkusdirektor”. Also, rein zur Managerin der Bank -sprich Zirkusdirektorin. Es ist nicht zu glauben und ich schwöre, das ist die Wahrheit, die reine Wahrheit. Ich mußte der “Zirkusdirektorin” erklären, warum ich so viel Geld brauche, man will mich schützen. Die Dachreparatur zieht und auch, daß ich nicht jeden Tag nach Mérida fahren kann - eine Stunde Weg hin und zurück, um die US$ 400 Tröpfchenweise zu erhalten. Die Zirkusdirektorin gibt dem Clown die Anweisung, ausnahmsweise $ 400 umzuwechseln, welche Gnade. Nun stehe ich wieder halbe Stunde in der Schlange, es ist halb zwei Nachmittags. Der Clown verzieht keine Miene, füllt die Papiere aus und verlangt mindestens auch Unterschriften von mir, plus 2x 4 Unterschriften vorn und hinten auf den Reiseschecks. Dann kriege ich eine Nummer für den Schalter Nr. 13. Dort soll ich aufgerufen werden.
Der Clown rächt sich gewaltig. Er bummelt, gibt die Papiere nicht weiter und mein Geld bekomme ich - endlich - als Letzte, denn die Bank schließt gleich nach mir. Die Zirkusdirektorin hat mich zur Eröffnung eines Kontos überredet, dann geht alles schneller, die Schecks aufs Konto, das Abheben problemloser. Gut, ich spare Zeit, die Bank verdient. Bei der Eröffnung des Kontos hat die Zirkusdirektorin gewonnen. Nun haben wir ein Konto bei der Banco Provincial. Nun sind wir gesellschaftsfähig.
Das Konto bei der Banco Unión wurde aus ähnlichen Gründen eröffnet. Wenn bei der Banco Provinzial Stromausfall ist oder die Computer ausgefallen sind, dann gibt es auch keinen Reiseschecktausch. Die Leute bei der Banco Unión sind etwas beweglilcher, machen aber den gleichen Papierkrieg und wechseln gar nicht, wenn kein Konto besteht. Für die Umwechslung von US$ 200 wird vom Kunden eine Wartezeit von ca. 2 Stunden erwartet. Dafür lächeln die Angestellten und sind recht nett. Deren Zirkusdirektor kam aber auch schon zum Einsatz, als ein Pärchen aus England Bs. 500.000 abhob und die Summe in Packen von 500 Bs.-Scheinen ausgehändigt bekam. Zehn offene Schalter hatten angeblich keine großen Scheine. Mein Mann begleitet das Pärchen, das wenig Spanisch sprach, zum Chef. Der machte das Unmögliche möglich. Die Geldpacken wurden in 10.000 Bs.-Scheine gewechselt. So eine Summe muß hier am Körper getragen werden und Touristen sind ausgesuchte Opfer von Überfällen. Wir hoffen, daß das Pärchen durch unsere Tipps zur Vorsicht einen schönen Urlaub verleben konnte.
Wir haben unsere Sparkonten aus Sicherheitsgründen, wenn der Bankautomat streikt, wenn mal wieder nicht gewechselt werden kann oder wenn ein in Europa übliches, einfaches Bankgeschäft nicht zu wuppen ist. So ist ein Tag, an dem ein Gang zur Bank ansteht, immer ebenfalls ein aufregender Tag.
In der Schlange steht man allerdings immer, mindestens eine Stunde. Und umsonst gibt es nichts.
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